• Annina Safran

Leseprobe aus Band 3 der Saga von Eldrid: Im Land der Nuria



  • Erstes Kapitel Die Dena-Familie

Die Dena-Familie bewohnte eines dieser kleinen schmalen Stadthäuser, die durch die benachbarten Gebäude, die größer und prächtiger waren, fast untergehen. Es stand wie eingepfercht in deren Mitte und war, bei näherem Betrachten, ein Schmuckstück. Die Fassade war reich an Verzierungen aus dem letzten Jahrhundert, hell und mit farblich abgestimmten Schlagläden versehen. Nichts ließ von außen erahnen, was sich im Inneren dieses Hauses seit über fünfzig Jahren abspielte. Denn es war kein gewöhnliches Haus, für Margot Dena war es ein Gefängnis.

Margot lebte seit ihrer Geburt in denselben vier Wänden, was an für sich nichts Ungewöhnliches ist, mit dem Unterschied, dass sie diese Gemäuer seit ihrem 18. Lebensjahr nicht mehr verlassen hatte. Dafür sorgte ihre Familie, erst ihre Eltern und später ihre Geschwister. Sie waren davon überzeugt, dass es für Margot das Beste sei, wenn sie keinen Fuß mehr außerhalb des Hauses in diese Welt setzte. Sie wurden kreativ und erzählten allen, egal ob sie es hören wollten, dass Margot unter Panikattacken leide und deshalb das Haus nicht verlassen könne. Etwas später, als Margots Eltern die Befürchtung hatten, dass die Panikattacken als Begründung nicht ausreichten, erklärten sie: »Margot leidet unter Angstzuständen. Sie sind so schlimm, dass sie Angst hat, das Haus zu verlassen. Wir können sie nicht dazu bringen, nach draußen zu gehen. Es ist furchtbar. Es gibt sogar einen Fachausdruck für diese Krankheit: Agoraphobie.« Tatsache war jedoch, dass Margot Dena weder unter Panikattacken noch an Agoraphobie litt. Sie hatte ihren Schatten in Eldrid verloren. Er war ihr abhandengekommen, gestohlen und unwiederbringlich verschwunden. Margot Dena war schattenlos und dies sowohl in Eldrid als auch in dieser Welt. Ihre Familie war der Ansicht, dass sich ein schattenloser Mensch nicht gefahrenlos in unserer Welt bewegen könne. Deshalb schlossen sie Margot ein. Im Haus der Familie. Für den Rest ihres Lebens.

Nach Jahrzehnten der Gefangenschaft bewohnte inzwischen nur noch Margot das Haus. Ihre Familie war verstorben oder ausgezogen, und sie war eine alte verbitterte Frau. Niemand kümmerte sich mehr um sie oder verbat ihr, das Haus zu verlassen. Jedoch hatte sie sich an diesen Zustand gewöhnt, so dass sie gar nicht auf die Idee kam, das Haus zu verlassen oder sich von dem zu entfernen, was sie am meisten an das Haus band: dem Dena-Spiegel. Das Portal, das sie nach Eldrid führen konnte.

  • Zweites Kapitel Im Land der Nuria

Ludmilla betrachtete nachdenklich ihre Begleiter, während sie die roten Haare zu einem festen Zopf zusammenband. Der Formwandler Lando lag erschöpft auf dem harten dunklen Boden und hielt sich den Schädel. Sein Hemd und die Hose aus dem typischen hellen Leinenstoff, den fast alle Wesen in Eldrid trugen, waren verschmutzt und verbeult. Er war noch hagerer als zu Beginn ihrer Reise, und seine unterschiedlich farbigen Augen funkelten matt. Daneben lag Eneas, der Unsichtbare. Sein riesiger Körper schimmerte durchsichtig in allen Facetten des dunklen Lichts, das sie umgab, während er seine tellergroße Hand auf die Stirn presste.

Als Lando ihren Blick bemerkte, blitzen seine Augen auf.

»Schau nicht so besorgt«, flüsterte er ihr zu. »Wir wollten wissen, ob das Schattendorf existiert. Das Dorf, in dem die lebendigen Schatten wohnen. Hier ist es. Genau vor uns. Wir müssen es nur noch auskundschaften.«

»Was ist mit Mainart und Gwendolyn?« Ihr Herz zog sich zusammen, als sie an den alten Magier und die junge Hexe dachte. Das Dorf der schattenlosen Wesen schien unendlich weit entfernt, und sie würden ihnen nicht helfen können. »Mainart hat uns zur Flucht verholfen. Ceres wird ihn sicherlich dafür bestrafen.«

Eneas sog die Luft scharf ein. »Das wissen wir nicht«, murmelte er mit piepsiger hoher Stimme, die nicht zu dem restlichen riesigen Körper passte. Dann wandte er sich an Lando und schob sein Gesicht dicht vor ihn: »Kannst du wirklich nichts erkennen?«

Der Unsichtbare deutete auf die große lila Beule, die auf seiner Stirn prangte. Offenbar wurden diese Wesen nicht so oft verletzt, denn in Ludmillas Augen führte er sich auf, als hätte er eine offene Platzwunde und bräuchte dringend medizinische Behandlung. Sie fuhr sich über das Gesicht, während Lando geduldig Eneas’ Beule untersuchte. Sie hatten sich alle drei bei dem Sprung durch das Becken der Wahrheit leicht verletzt. Außerdem waren sie ausgelaugt von den letzten Tagen, dem langen Marsch zum Dorf der schattenlosen Wesen und den Ereignissen, die sich dort zugetragen hatten. Ein Grund mehr, sich erst einmal zu sammeln und über die nächsten Schritte nachzudenken.

»Wie willst du sie auskundschaften? Es sind Schatten, da können wir nicht einfach reinspazieren«, murmelte Ludmilla, während sie nachdenklich die Umgebung betrachtete. Ein Schleier, der sich über die Landschaft gelegt hatte wie der der Nacht, lichtete sich. Und da erkannte sie es. Wohin ihr Auge reichte: Zelte. Mehr Zelte und immer mehr gab das wenige Licht, das aufkam, preis. Das Schattendorf war riesig. Größer als das Dorf der schattenlosen Wesen, so schätze sie.

Irritiert sah sie zu Lando, der erwiderte: »Das hatte ich auch nicht vor.«

»Sieh nur«, wisperte sie. »Das sind so viele. Zu viele.« Ihr stockte der Atem. »Wie kann das sein? Die Schattenwolke ist riesig, und zusätzlich gibt es all diese lebendigen Schatten?« Immer wieder schüttelte sie dabei den Kopf. »Denkt ihr, dass in jedem dieser Zelte ein lebendiger Schatten lebt?«

Eneas schlug sich die Hand vor den Mund. »Das wissen wir nicht mit Sicherheit«, flüsterte er kaum hörbar. »Das kann nicht sein. Das darf nicht sein.«

Ludmilla erschauderte, während sie ungläubig auf das Dorf starrte. Instinktiv zog sie die Kapuze ihres Hoodies höher und suchte angestrengt die Landschaft ab. Wie weit reichten die Zelte? Was kam danach? Verzweiflung machte sich in ihr breit. Wenn es so viele lebendige Schatten gab, die nur darauf warteten, Schatten zu stehlen, dann würde es bald keine Wesen des Lichts mehr geben. Dagegen musste sie etwas tun. Sie konnten nicht tatenlos rumstehen und dabei zusehen, wie sich diese Schatten vermehrten. Es musste eine Lösung geben.

Gerade, als sich Ludmilla zu ihren Begleitern umwandte, meinte sie, ein sanftes Glühen am Horizont zu erkennen. Dort war nicht alles schwarz und grau, sondern es schimmerte rötlich. Wie noch nicht erloschene Asche. Es war mehr rot als golden, was sie an Fenris erinnerte. Dem dunklen Teil von Eldrid. Hier leuchtete nichts golden. Nichts war einladend an dieser Landschaft. Für einen kurzen Moment dachte sie an das Glitzern der Wälder, das goldene Leuchten der Nacht und die farbenprächtige Stadt Fluar. Doch dann wurde sie von Lando aus ihren Gedanken gerissen.

»Warum brauchen sie Zelte?«, murmelte er.

»Es sind Schatten, die mit Wesen verbunden waren«, flüsterte Ludmilla. »Sie wollen vielleicht genauso leben.«

»Die Frage ist nur, was machen die hier?«

Eneas brummte unschlüssig. »Ich habe keine Ahnung, Lando, aber du hattest recht. Es gibt es, das Schattendorf, und es ist riesig.« Ein kleiner Funkenregen sprang von seinem Körper.

»Wisst ihr eigentlich, wo wir hier sind?«, fragte sie zaghaft.

Lando hob die Schultern und betrachtete die Landschaft. Soweit das Augen blicken konnte, bedeckten glatte schwarze Steine den Boden. Es war ein Meer aus unterschiedlich hohen und blank polierten Steinen, das hohe Wellen schlug. Oder wie eine endlose Buckelpiste im Gebirge. Er hob die Hand vor die Augen, als würde ihn etwas blenden, und starrte über die Ebene.

»Eneas«, sprach er langsam. »Siehst du das?«

Lando deutete auf den Horizont, an dessen Ende Ludmilla das Glühen entdeckt hatte. Eneas folgte seinem Finger und kniff die Augen zusammen. Ein Unsichtbarer mit einem langgezogenen Schädel und runden Augen wie Murmeln sah schon merkwürdig aus. Ludmilla bewunderte jedes Mal aufs Neue, wie sich sein Gesicht durch eine Grimasse veränderte. Diese mit zu Schlitzen verengten Augen hatte etwas von einer Comicfigur. Sie überraschte sich selbst dabei, dass sie darüber nicht lachen musste. Vielleicht hatte sie sich an die verschiedenen Anblicke gewöhnt? Oder sie respektierte ihn zu sehr, als dass sie sich über ihn lustig machen könnte.

»Wenn es das ist, was ich vermute, dann sind wir im Land der Nuria gelandet.« In Eneas’ Stimme schwang Unsicherheit mit.

»Nuria?« Sie wandte sich an Lando. »Das Land der Nuria? Davon habe ich noch nie gehört.«

Lando lächelte sie belustigt an. »Das ist ein Gebiet, das nicht gerne bereist wird und von dem die Wesen von Eldrid nicht viel erzählen. Die Nuria sind keine Wesen des Lichts, auch wenn sie Schatten haben. Sie bezeichnen sich als Wesen des Feuers.« Er lachte kurz und hart auf. »Die Nuria bestehen im Wesentlichen aus Feuer und ihre Pferde auch. Stell dir einen Menschen auf einem Pferd vor, der von einer glühenden Feuerflamme eingehüllt ist. Beide haben Kontur, brennen gleichzeitig. Beispielsweise stehen die Haare der Nuria in Flammen, ebenso wie der Schweif und die Mähne des Pferdes, dabei verbrennen sie jedoch nicht. Sie sind eins mit dem Feuer. Genauso verhält es sich mit dem Land. Das Feuer breitet sich überall aus, so dass alles aus brennendem Material besteht oder bereits verbrannt ist. Schau dir die Landschaft genauer an: Die Kugeln, die den Boden bedecken, sind aus geschmolzenem Stein, den das Feuer glattpoliert hat wie Stahl. Die Nuria würden am liebsten alles niederbrennen. Zum Glück gibt es Ilios, das sie davon abhält, denn sie hassen das Licht und insbesondere das Sphärische.«

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