• Annina Safran

Leseprobe aus: Der Spiegelwächter

Aktualisiert: 15. Jan 2019


Zamir lief unruhig in seiner Höhle auf und ab. Wann würden die Späher endlich Bericht erstatten? Ungeduldig lief er zum Ausgang und hielt nach ihnen Ausschau. Die Berggeister waren erwacht. Das wusste er bereits. Es war ein besonderer Tag für ihn. Der triumphale Höhepunkt seiner Machtdemonstration. Und dennoch war er nervös. Was wollte Uri mit diesem Mädchen? Seit Jahrzehnten hatte Uri keinen Menschen mehr durch seinen Spiegel reisen lassen. Das Mädchen musste eine besondere Scathan sein. Aber war sie überhaupt eine Scathan? Die Ungewissheit fraß an Zamir. Sein Gespür, was passierte oder bald passieren würde, hatte durch die Verbannung nachgelassen.

Alle fünf Spiegelwächter besaßen die Fähigkeit, die Emotionen der Wesen in Eldrid zu erspüren. Dadurch wussten sie stets, was für eine Stimmung in dieser Welt herrschte. Dieses Gespür hatte Uri versucht, Zamir vollständig zu nehmen. Er hatte ihn abschotten wollen. Abschotten von der Welt, die auch ihm gehörte. Aber es war ihm nicht gelungen. Er hatte Spione überall im Land. Späher und Berichterstatter. Er war alles andere als abgeschottet. Zamir huschte ein Lächeln über sein blasses Gesicht. Was hatte Uri alles probiert, um ihn zu schwächen! Und jetzt? Jetzt war er so mächtig. So mächtig, dass es ihm gelungen war, die Berggeister zu erwecken. Aus seiner Höhle heraus. Von dem Ort der Verbannung. Zamir schrie ein lautes verächtliches »Ha!« in die Stille der Höhle. Er. Zamir. Der Verbannte. Ihm war es gelungen, das Pentagramm der Schatten zu schließen. Ihm allein hatte sich die Legende erschlossen und er hatte sie wahr werden lassen. Mit der Mobilisierung dieser Kraft hatte er nun die Berggeister geweckt. Und Uri hatte keine Ahnung. Oh, wie ahnungslos Uri war. Zamir entfuhr ein spöttischer Freudenjauchzer, während er darüber nachdachte, wie diese Nachricht Angst und Schrecken über Eldrid verbreiten würde. Sie würde sich schneller ausbreiten als seine Wolke aus Schatten und Dunkelheit. Die Berggeister. Sie hatten Jahrhunderte geschlafen. Mit ihnen gab es keinen Pakt. Kein Bündnis. Und das war seine Chance. Er. Zamir. Er würde ein Bündnis mit den Berggeistern eingehen. Sie würden ihm helfen, die Dunkelheit über das Gebirge zu bringen. Sie würden ihm den sphärischen Teil näherbringen. Bei der Vorstellung lächelte er zufrieden und sein Gesicht verzog sich zu einer Fratze.

Ja. So leicht konnte man ihn, den mächtigen Zamir, nicht verbannen. Das, was jetzt geschah, was vor ihnen lag, hatte er akribisch genau vorbereitet und geplant. Und sie hatten nichts davon bemerkt. Uri, Bodan, Arden und Kelby nicht und der Rest des lächerlichen Rates auch nicht. Und nun war es endlich so weit. Endlich trat er in das abscheuliche Licht von Eldrid mit seinem Plan. Gedankenverloren strich er sich eine hellblonde Strähne aus dem Gesicht.

Er mochte seine menschliche Gestalt. Er liebte sie. Sie war so schön. Zufrieden betrachtete er seine langen schmalen Finger, die helle Haut, seine elegante Figur. Schon vor vielen Jahren hatte er seine Fähigkeit, seine Form zu wechseln, dazu genutzt, seine Spiegelwächtergestalt abzulegen, und die Gestalt eines jungen menschlichen Mannes gewählt. Ohne Falten, schlank und groß. Athletisch, drahtig, nicht zu muskulös. Die erniedrigende Spiegelwächtergestalt hatte er immer gehasst. Klein, dürr und verrunzelt. Das passte nicht zu ihm. Zu ihm: Zamir, dem künftigen Herrscher über Eldrid. Nur seine Haarfarbe hatte er beibehalten. Sehr helles goldenes Haar. Seine goldfarbenen Augen hatte er in ein strahlend eisiges Blau verwandelt.

Wie gern hätte er auch den Rest seines schönen Körpers in einem Spiegel betrachtet. Aber hier gab es nur die einen und darin stand kein Spiegelbild. Sosehr er auch die Bewachung seines Spiegels verachtet hatte, zu trivial war ihm diese Aufgabe gewesen, er vermisste seinen Spiegel. Er konnte nicht aus seiner Haut. Er war ein Spiegelwächter, und Spiegelwächter lebten bei ihren Spiegeln. Sie hatten eine besondere Bindung zu ihren Spiegeln. Eine Bindung, die sie zu vielem befähigte. Sein Spiegel hatte in seiner Höhle gestanden. Es war ein prächtiges Exemplar. Der Taranee-Spiegel! Größer und schöner als die anderen vier. Seine Verzierungen waren einzigartig. Er hatte so viele Geschichten geschrieben. Und nun war er nicht mehr bei ihm. Sie hatten Zamir in eine andere Höhle verbannt und seine Höhle versiegelt. Der Spiegel hatte keine Funktion ohne Spiegelwächter. Sein Spiegel. Sein wunderschöner Spiegel. Zamir legte seine Stirn derartig in Falten, dass die Zornesfalte nach vorn heraustrat. Erschrocken tastete er seine Stirn ab. Er wollte nicht wieder so viele Falten bekommen wie in der Gestalt des Spiegelwächters. Mit der Hand auf der Stirn lief er im Kreis umher.

Dass sein Spiegel inaktiv war und dies ohne seinen Willen, machte ihn wütend. Sehr wütend. Wenn er nur erst wieder durch Eldrid wandern könnte, dann würde er auch das Siegel seiner Höhle brechen und wieder bei seinem Spiegel leben können. Dann brauchte er keine Späher mehr, die für ihn sahen. Keine Spione, die ihm berichteten. Wie er es hasste, abhängig zu sein! Seine Späher konnten es ihm nicht recht machen. Seine Spione schon gar nicht. Aber das hat bald ein Ende, dachte er und sein makelloses Gesicht verzog sich wieder zu einer Fratze. »Und wenn erst einmal diese Welt ganz mein ist, dann werde ich über alle Spiegel wachen und so die andere Welt auch zu der meinen machen«, flüsterte er vor sich hin. »Überall wird die Dunkelheit hereinbrechen. Die Sonnenstrahlen werden nirgends mehr durchbrechen können.« Zamir breitete seine Arme aus und drehte sich in seiner Höhle im Kreis. Sein blauer Gehrock flog um seinen Körper herum wie der Faltenrock eines kleinen Mädchens. Seine schmale Leinenhose, die er darunter trug, kam zum Vorschein. Er schloss die Augen und stellte sich vor, wie ganz Eldrid in Dunkelheit gehüllt wurde, und lachte dabei auf vor Vergnügen. Es würde nicht mehr lange dauern und er würde sich aus seiner Verbannung befreien können.

Das Einzige, was ihm jetzt noch fehlte, war, dass die anderen vier Schatten ihm gehorchten. Sie mussten ihm dienen, so wie Godal es tat. Er würde sich noch einen Schatten schaffen. Einen mächtigen Schatten. Mächtiger als Godal. Dieser Schatten würde nur ihm dienen und er würde den anderen fünf Schatten das Fürchten und den Respekt lehren. Respekt vor dem Meister. Seine strahlend blauen Augen verdunkelten sich.

»Nur noch einen Schatten!«, schrie er ungeduldig. »Ein mächtiger Schatten!!« Er rannte zum Eingang der Höhle zurück, wo er abrupt abbremste, um nicht in die unsichtbare Barriere zu laufen. »Bringt mir einen Schatten!«, schrie er in den Wald. »Hörst du mich, Godal! Ich will einen Schatten! Einen mächtigen Schatten! Bring mir den Schatten oder berichte mir von einem mächtigen Wesen, dann rufe ich es mir und nehme mir den Schatten selbst!«

Seine Worte hallten im Wald wieder. Sämtliche Tiergeräusche waren verstummt. Alle lauschten seiner Forderung. Selbst die kleinsten Wesen verzogen sich in die dunkelste Ecke, die sie finden konnten.

»Ha!«, schrie Zamir übermütig. »Ihr habt alle Angst vor mir! Ich kann eure Angst spüren. Ich kann sie riechen. Ihr zittert alle vor mir!« Er ließ ein höhnisches Lachen ertönen. »Zu Recht! Zu Recht. Fürchtet euch vor mir! Und tut, was ich sage. Berichtet mir von einem mächtigen Wesen, damit ich mir seinen Schatten nehmen kann.« Er hielt kurz inne und atmete die feuchte Waldluft ein. »Godal!«, schrie er schrill. »Godal, komm zu mir!«

Wieder erzitterte der Wald. Zamir gluckste vor Vergnügen. Wie er es liebte, dass alle ihn fürchteten. Das gab ihm Kraft. So als könne er sich davon nähren. Er lehnte sich gegen die Höhlenwand und starrte in den Wald. Jedes Blatt kannte er aus dieser Perspektive. Jeden Winkel. Wie ihn das anödete! Langweilte!

»Nicht mehr lang und ich bin stärker als Uri!«, murmelte er vor sich hin. »Und dann hole ich mir dieses Menschenmädchen. Was auch immer so besonders an ihr ist, ich werde sie zu mir rufen. Und nur zum Spaß nehme ich ihr ihren Schatten weg. Nur so. Weil es mir gefällt!« Ihm entfuhr ein bösartiges helles Kichern.

In diesem Augenblick kam ein Wolf auf die Höhle zu. Zamir fixierte ihn und baute sich breitbeinig in der Mitte des Höhleneingangs auf.

»Na endlich! Wird aber auch Zeit. Was hast du mir zu berichten?« Er verschränkte die Arme vor der Brust.

Der Wolf neigte untertänig den Kopf und verwandelte sich in ein kleinwüchsiges Wesen mit runzeliger Haut und einer knubbeligen Nase. Das Wesen verharrte vor Zamir in der knienden Position.

»Ich habe sie gesehen, Herr«, sprach es mit geneigtem Kopf. »Sie waren auf dem Marktplatz in der Stadt.«

»Wer ist SIE?«, herrschte Zamir das Wesen an.

»Uri und das Mädchen. Das Mädchen, das aussieht wie die Scathan-Schwestern.«

»Also ist sie eine Scathan!«, schrie Zamir aufgeregt auf. »Wie wunderbar!« Er hüpfte dabei auf und ab wie ein Tennisball. Dann wandte er sich abrupt wieder dem Wesen zu und zischte: »Und weiter? Erzähl weiter!«

»Sie war mit Uri auf dem Marktplatz. Gestern Abend. Sie waren unvorsichtig, weil sie diese vorlaute Fee dabeihatten. Sie flog direkt ins Feuer und hat so die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Das Mädchen wurde von vielen gesehen. Die Einwohner von Fluar sind aufgebracht und verängstigt. Sie vertrauen Uri nicht mehr blind. Das ist nicht gut, Herr. Angst ist nie gut!«

Das Wesen schwieg und sah vorsichtig zu Zamir hinauf. Dabei hob es nur ein wenig den Kopf. Aber Zamir schüttelte den Kopf.

»Das ist nicht nur gut! Das ist hervorragend! Sie sollen Uri nicht mehr vertrauen. Sollen sie sich ruhig an die Scathan-Schwestern erinnern. Das wird sie warnen.« Er lächelte wieder sein böses Lächeln. »Es wird ihnen nicht helfen. Gar nichts wird ihnen helfen. Sie sind sowieso verloren. Ich habe die Berggeister geweckt und die sind verärgert, sehr verärgert. Vor ihnen sollten sie noch mehr Angst haben. Nicht vor dem Mädchen oder den Scathan-Schwestern, die es längst nicht mehr gibt.«

Zamir durchbohrte das Wesen mit seinen eisblauen Augen. »Wie genau sah das Menschenmädchen aus? Wie ist sein Name? Hat es eine Macht?«, fragte er herrisch.

Das Wesen hob unmerklich die Schultern. »Den Namen kenne ich nicht. Sie sieht aus wie die Scathan-Schwestern, dunkelrotes langes Haar, große blaue Augen, groß, schmal. Ob sie eine Macht hat, kann ich nicht sagen.« Seine Stimme wurde immer leiser.

Zamir machte eine unwirsche Handbewegung. »Das reicht mir nicht. Beschreib sie mir genauer.«

Das Wesen duckte sich. »Ich konnte sie nicht richtig sehen«, murmelte es unterwürfig.

Zamir gab ein missbilligendes Zischen von sich. »Ja, aber dass sie rote lange Haare hat und blaue Augen, das konntest du sehen. Also, dann sag mir, wie alt sie ungefähr ist und wie groß.«

»Ich kenne mich mit den Menschenjahren nicht so aus«, entschuldigte sich das Wesen mit krächzender Stimme. »Sie ist ungefähr in dem Alter, in dem die Scathan-Schwestern viel hier waren und Schatten geraubt haben. Also jung, noch nicht erwachsen. Aber kurz davor. Sie ist größer als ein Kobold, ungefähr so groß wie eine der jüngeren Hexen, würde ich sagen.«

»Und weiter«, forderte er gebieterisch.

»Ihr Haar trug sie zu einem Zopf zusammengebunden, sie gehen ihr bis zur Hälfte des Rückens, sie sind glatt mit ein paar Wellen, und sie sind rot. Ein sehr schönes dunkles Rot.« Ihm entfuhr ein Lächeln, das sofort wieder einfror. »Sie hat hellblaue Augen, die im Licht des Feuers geleuchtet haben. Ihr Gesicht ist blass und schmal. Ihre Haut ist insgesamt sehr hell«, fügte es schnell hinzu.

»Was hatte sie an?«, zischte Zamir mit geschlossenen Augen. Er versuchte, sich Ludmilla vorzustellen.

»Oh, das war ein kurzärmeliges Oberteil und eine Hose. Und sie hatte irgendetwas um die Hüfte gebunden. Mehr habe ich wirklich nicht sehen können, Herr«, flüsterte das Wesen und wich vorsichtig zurück.

»Ist das alles? Das ist ja kümmerlich!«, schrie Zamir. »Das reicht mir nicht! Ich brauche einen Namen und ein vollständiges Bild! Mit den wenigen Informationen kann ich sie nicht rufen!« Er drehte sich um und lief in die Höhle.

»Aah!«, schrie er voller Zorn.

Das Wesen zuckte zusammen und rührte sich nicht vom Fleck.

Zamir drehte sich um. »Sonst noch was?«, fauchte er es an.

Das Wesen schüttelte langsam den Kopf. »Mehr habe ich nicht zu berichten, Herr«, sagte es und neigte erneut seinen Kopf.

»Das ist alles? Hast du sie nicht verfolgt?«, herrschte er es aus der Entfernung an.

»So schnell konnte ich mich nicht unbemerkt verwandeln«, versuchte sich das Wesen zu erklären. »Und sie haben den Marktplatz sehr schnell verlassen, nachdem es diesen Tumult gab. Ich vermute, dass sie bei Bodan übernachtet haben.«

Zamir zog die Augen zusammen: »Hast du Bodans Haus beobachtet?«

Das Wesen schüttelte den Kopf. »Das ging nicht. Bodan hat sein Haus mit einem Zauber belegt. Niemand kann in das Haus hineinsehen, wenn er dazu nicht eingeladen wird.«

Es machte eine Pause und zog den Kopf zwischen seine Schultern. Zamir starrte ihn nachdenklich an.

»Dann waren sie sicherlich bei Bodan. Und als sie am Morgen meine Späher entdeckten, sind sie ins Gebirge geflohen, wo die Berggeister auf sie warteten.« Zamir lachte auf. »Großartig! Dann sitzen sie in der Falle.«

»Es sei denn …«, hob das Wesen an und verstummte gleich wieder.

»Es sei denn WAS?«, dröhnte Zamir.

»Es sei denn, sie haben den Ausgang zum Schneegebirge genommen, Herr«, sagte es sehr leise. Sein Kopf klemmte inzwischen so zwischen den Schultern, dass sein Hals nicht mehr zu sehen war.

Zamir schrie auf vor Zorn. »Sicher, den Ausgang zum Schneegebirge! Denkst du, darauf komme ich nicht selbst? Nur da muss man erst einmal hinkommen.« Zamir atmete schwer. Er funkelte das Wesen an. »Geh mir aus den Augen! Du nutzt mir nichts! Kehre nach Fluar zurück und beobachte Bodans Haus oder mach sonst was, was nützlich ist.« Zamir wandte sich ruckartig ab.

Das Wesen nickte unmerklich, verwandelte sich wieder in einen Wolf und rannte winselnd in den Wald.

»Das Schneegebirge«, murmelte Zamir. »Das Schneegebirge.« Er lächelte vor sich hin. »Wenn du das gewagt hast, Uri. Mit dem Menschenmädchen! Das wirst du mit ihr nicht schaffen. Die Durchquerung des Schneegebirges mit einem Menschenmädchen, ha! Das ist dein Untergang!« Sein Gesicht verzog sich zu einem zufriedenen Lächeln. Für Sekunden erschien in Zamirs Gesicht die Fratze, die er trug, wenn er an seinen Plan dachte. Er schloss die Augen und rief seine Späher herbei. Sollten sie sich für ihn vergewissern, ob Uri wirklich im Schneegebirge herumstapfte. Mit diesem Scathan-Mädchen.

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